Theoretische Notizen zum Anthropozän

Anthropozän („anthro“ = Mensch, „zän“ von kainos = neu, jung), der Mensch erneuert, der Mensch formt mit seinen Technologien und dem exzessiven Verbrauch von nicht-erneuerbaren Ressourcen die Natur, das ökologische System, dessen Teil er selbst ist.  Das neue Zeitalter Anthropozän zwingt uns, uns Gedanken darüber zu machen, wie wir als moderne Menschen in der Natur existieren und wirken und wie wir in Zukunft koexistieren müssen, um nachhaltig fortbestehen zu können.

Was bedeutet das Anthropozän?

Die Menschheit befindet sich in einem neuen Zeitalter, welches eine durch sie formende, nachhaltig prekäre Beziehung zur Natur kennzeichnet. Anthropozän ist ein Narrativ für die radikale Kraft der Menschen mit ihren Erzeugnissen, welche die Geologie der Erde nachhaltig verändern – und das nicht nur in den nächsten Jahren. Mikroplastik treibt im Meer und wird dort noch Jahrtausende treiben, noch in hunderttausend Jahren strahlende Kernbrennstoffe lagern in Sarkophagen, die für die Endlichkeit von nur 100 Jahren gemacht sind, Waschbären verbreiten sich explosionsartig in Deutschland, eigentlich stammen sie aus Nordamerika, die Klimaerwärmung lässt die Polkappen schon seit Jahrzehnten schmelzen mit fatalem Ausgang für knapp über dem Meeresspiegel liegende Orte auf der Welt. Diese globalen geologischen Veränderungen, die auf einen menschlichen Eingriff in die Natur zurückzuführen sind, werden wissenschaftlich etwa als in der Erdschicht abgelagerte Stoffe nachweisbar sein, so die naturwissenschaftlichen Anthropozäniker – das ist neu, bisher nie dagewesen. Das letzte Beispiel zeigt, dass die Auswirkung der Zerstörungen gegenwärtig schon auf den Menschen selbst zurückschlagen, scheinbar unkontrolliert, heftig und mit zunehmender zeitlicher Dynamik.

Das Anthropozän, das zunächst als wissenschaftliche Beschäftigung mit dem geologischen Faktum begonnen hat, hat es in den letzten Jahren quer durch die Disziplinen in die gesellschaftliche Debatte geschafft. Folgende bestehende Dichotomien sollen als Drehpunkte der folgenden breiten theoretischen Auseinandersetzung  mit dem Anthropozän dienen: Natur – Mensch, Nord – Süd, Gegenwart – Zukunft, Permanenz – Vergänglichkeit.

Mensch und Natur

Das Anthropozän ist ein Prozess, „in dem permanent materielle und energetische Flüsse miteinander in Wechselwirkung treten, und zwar auf eine Weise, die einerseits durch Wissen, andererseits aber durch Macht geprägt ist. Deshalb muss letztlich der Kernakteur des Anthropozäns, der Anthropos, in den Blick genommen werden.“ (Renn/Scherer 2017: 14)

Der Mensch steht als Hauptverursacher im Zentrum des Anthropozäns. Kultur und Natur ist eine vielgesagte, aber doch nichtssagende Unterscheidung. Denn es heißt sich zu entscheiden, wo der Mensch doch in beidem beheimatet ist. In vielen anderen Teilen der Erde ist die Mensch-Natur-Beziehung eine hierarchiefreie oder eine, die mit der Heiligung der Natur, eben diese mehr stärkt und respektiert, als in den meisten westlich geprägten Ländern. Für manche Wissenschaftler – wie den Philosophen Bruno Latour und die Biologin Donna Haraway – muss das Anthropozän-Konzept die tiefe Kerbe des westlich geprägten Verhältnisses von Mensch und Natur ausweiten, um ein neues Denken anzustoßen. Bei Latour geht es um Hybride, das sind Aktanten, die von der Wechselwirkung Mensch-Natur leben (vgl. Latour 1995). Für die Biologin Donna Haraway geht das Anthropozän nicht weit genug. Sie ruft ein neues Zeitalter aus, das des Chthuluzän (von khthonios = darunter liegend, dem Erdboden angehörig, einheimisch), in dem es um die Verwandtschaft von Arten geht, nicht nur die Verwandtschaft der Menschen untereinander, sondern zu anderen Arten auf der Erde; eine tiefgreifende Relationalität wird beschrieben. Ihr Ansatz ist phantastisch und stellenweise unglaublich, aber er erzählt Alternativen und bricht damit unser Denken auf, für den Aufbruch zu etwas Neuem und damit Zukünftigem (vgl. Haraway 2018).

Reflexion weiterer Dichotomien

Nord – Süd. Der geographische Aspekt trägt zur Differenzierung der Akteursfrage (zumindest mit Blick auf den Anthropos) bei. Es ist auch die Frage nach der sozialen Verantwortung. Denn der globale Norden hegt einen anderen Lebensstil als der globale Süden. Menschen in afrikanischen Ländern kann schwer die gleiche Handlungsmacht und damit Verantwortung für die Auswirkungen im Anthropozän zugeschrieben werden, wie Menschen in europäischen Ländern. Der globale Süden bekommt die Auswirkungen, die Folgen des Klimawandels, wie Dürre und Überschwemmungen, jedoch deutlich häufiger und existentieller zu spüren, als der globale Norden. Synonym zum Anthropozän werden Begriffe wie „Europozän“ und „Kapitalozän“ genannt. Soll es die Menschheit sein, die im Zentrum des Anthropozäns steht oder nur der Teil kapitalistisch geprägter Gesellschaften mit hohem Ressourcenverbrauch und emittierender Kraft? Die Anthropozän-Debatte muss zunächst überhaupt eine geografische Unterscheidung sichtbar machen, damit eine gesellschaftliche Debatte anschließen kann, die sowohl die bestehenden Machtverhältnisse, als auch die Dominanz der westlichen Differenzierung von Kultur und Natur hinterfragt.

Gegenwart – Zukunft. Das Interessante und Herausfordernde am Anthropozän, wie auch bei der Debatte um Nachhaltigkeit ist, dass Gegenwart und Zukunft zusammen gedacht werden müssen. Die Münchner Anthropozän-Ausstellung „Willkommen im Anthropozän: Unsere Verantwortung für die Zukunft Erde“ im Deutschen Museum ist nur eine von mehreren Ausstellungen, die seit ein paar Jahren die Frage nach unserer ökologischen Verantwortung und unserem Handeln für die Zukunft im Anthropozän aufgreifen. Hans Jonas‘ ökologischer Imperativ bringt es nochmal auf den Punkt: „Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlungen nicht zerstörerisch sind für die künftigen Möglichkeiten solchen Lebens“ (Jonas 1984: 36). Dieser Imperativ kann auch für das Anthropozän gelten, denn der vernunftbegabte Mensch steht im Mittelpunkt und der geologische Aspekt des Anthropozän hat uns eigentlich bereits die Augen geöffnet, welch zeitliche Ausdauer unser Handeln haben kann. Generationen vor uns hinterließen Spuren (Wann? Der Beginn des Anthropozäns ist eine eigene Debatte unter den Anthropozänikern), die wenige Generationen später in der Geologie der Erde sichtbar sind und auch das Leben des Menschen beeinflussen. Die Linie der Zeit von der Vergangenheit über die Gegenwart bis in die Zukunft könnte deutlicher nicht sein. Die Herausforderung an unsere Verantwortung für zukünftiges Leben ist längst nicht mehr so abstrakt, wie sie klingen mag.

Permanenz – Vergänglichkeit. Das Haus Kulturen der Welt spürt in ihrem Projekt „Mississippi. An Anthropocene River“ Veränderungen des Mississippi nach und macht sie mit wissenschaftlichen und künstlerischen Methoden sichtbar. Die Spuren, die wir Menschen in der Geologie der Erde hinterlassen und deren Auswirkungen zeigen gleichzeitig auf, dass weder die Erde eine stabile Umwelt ist, noch der Mensch eine unsterbliche Spezies. Der Fluss als Lebensader könnte dies nicht klarer symbolisieren. Müssen wir also nicht vielmehr verstehen, „dass das Anthropozän nicht so sehr die Verewigung des Menschen bis in geologische Zeiträume bedeutet, als vielmehr seine Vergänglichkeit mit einschließt“? (Renn/Scherer 2017: 16).

Zum Glück auch die Kunst

Es macht Sinn das Anthropozän aus allen möglichen Blickwinkeln zu beleuchten, denn vielleicht liegt gerade im Anthropozän-Konzept das Potential das System Erde als ein Ganzheitliches zu betrachten. Produktiv wäre sicherlich ein stärker kommunizierter Konsens darüber, was das Anthropozän ist, um nicht der Gefahr der konzeptuellen Beliebigkeit zu verfallen. Die Kunst ist glücklicherweise auch schon auf den Zug mit dem Ziel das Zeitalter der Menschen zu reflektieren und daraus Ideen zu entwickeln, aufgesprungen. Denn im Anthropozän brauchen wir mutige, inspirierende und unglaubliche Wege.

 

Quellen:

Haraway, Donna (2018): Unruhig bleiben. Die Verwandtschaft der Arten im Chthuluzän. Frankfurt am Main: Suhrkamp

Jonas, Hans (1984): Das Prinzip Verantwortung. Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation. Frankfurt am Main: Suhrkamp

Latour, Bruno (1995): Wir sind nie modern gewesen. Versuch einer symmetrischen Anthropologie. Berlin: Akademie-Verlag

Renn, Jürgen/Scherer, Bernd (Hrsg.) (2017): Das Anthropozän. Zum Stand der Dinge. 2. Aufl. Berlin: Matthes Seitz

 

Von Simone Hieber

 

Simone Hieber ist Umweltsoziologin, als Projektmitarbeiterin am KMGNE und für die Öffentlichkeitsarbeit von auto mobilis 2 zuständig.